Die 2016 im Rahmen der COP21 verabschiedete Roadmap For Sustaibable Electricity Trade (1) eröffnet Deutschland und Europa eine große Chance zwei große Herausforderungen anzupacken. Wir können jetzt die Weichen stellen, um

  1. das sozioökonomische Potential Nordafrikas zu fördern und gleichzeitig
  2. den Strombedarf Deutschlands und der EU schnell, günstig und zuverlässig zu 100% aus erneuerbaren Quellen zu decken.

Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland bei 100% Erneuerbaren Quellen

Grundsätzlich sind zwei Strategien denkbar, um Deutschland zu 100% mit erneuerbarer Energie zu versorgen:

  1.  Ausbau variabler Erzeugung mit Windkraft und Photovoltaik und deren Ergänzung durch innovative Speichertechnologien, verstärkten Ausbau der Stromnetze und weiterer Flexibilisierungsmaßnahmen sowie konventionelle Backup-Kraftwerke auf der Basis von Erdgas und Kohle, oder
  2. die Strategie eines gleichmäßigen, abgestimmten Ausbaus sowohl variabler regenerativer Quellen als auch dargebotsunabhängiger regenerativer Quellen wie Wasserkraft, Biomasse, Geothermie und thermische Solarkraftwerke (CSP) beispielsweise aus sonnenverwöhnten Regionen wie Nordafrika.

Diese erste, heute verfolgte Strategie erreicht die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern nur durch den Aufbau großer,

teurer dezentraler Überkapazitäten von erneuerbaren Quellen, die letztendlich der Stromkunde wird zahlen müssen.

Außerdem verfolgt sie keinerlei entwicklungspolitische Zielsetzung. Bei dieser ersten Strategie, die auf den Aufbau thermischer Solarkraftwerke in Nordafrika verzichtet, müssen in Deutschland um 273% mehr Leistung installiert werden, also die heute installierte Leistung müsste von 189 GW um 362 GW auf 552 GW erhöht werden (2).

Diese zweite Strategie, die sich auf den Aufbau thermischer Solarkraftwerke in Nordafrika stützt, hat den großen finanziellen Vorteil, dass die heute installierte Leistung nur um 97 GW auf 286 GW erhöht werden muss.

In Deutschland müssten damit 265 GW weniger Leistung installiert werden, um eine vollständige regenerative Versorgung bei 78 GW Spitzenlast zu erreichen. Gleichzeitig würde Deutschland den afrikanischen Staaten helfen saubere Energie als Exportprodukt zu etablieren (3).

Solarstromexporte von Nordafrika nach Europa über Punkt zu Punkt Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Leitungen (HGÜ) helfen nicht nur Deutschland und der EU, die CO2 Emissionen schneller zu senken und dabei die hiesig notwendige Infrastruktur zum Erreichen der Energiewende massiv zu entlasten, sondern stellen zusätzlich ein tragfähiges Geschäftsmodell für einen strukturellen Wandel in Nordafrika dar.

Entwicklungspolitische Vorteile

Allein für Deutschland werden im oben erwähnten Szenario etwa 15 GW der 97 GW neu zu installierenden Leistung für Stromexporte benötigt. Diese 15 GW könnten mit fünf Leitungen mit je 3 GW Leistung erreicht werden, könnten bereits ab dem Jahr 2030 Strom liefern, würden ein Investitionsvolumen inklusive der HGÜ Leitungen von € 150 Mrd. ausmachen und würden 25.000 Arbeitsplätze in Nordafrika schaffen (4).

Neben diesen 5.000 direkt geschaffenen Arbeitsplätzen vor Ort würde jedes solarthermische Kraftwerke mit 3 GW Nettoleistung zusätzlich weitere Infrastrukturen und Dienstleistungen auslösen, um die Belegschaft vor Ort zu versorgen.

Damit entstehen kleinere bis mittlere kommunale Strukturen mit weiteren zehntausenden Einwohnern und indirekten Arbeitsplätzen bzw. für bereits bestehende Kommunen in der Nähe entwickeln sich weitere Perspektiven.

Solarthermische Kraftwerke eröffnen für viele junge Menschen aus Nordafrika und Europa neue Impulse und Perspektiven für gemein-same Arbeitsplätze und Ausbildung im Rahmen nachhaltiger Innovationen und Entwicklung.

So schafft bereits der Bau solarthermischer Anlagen zusätzliche Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette: Einer Studie der Weltbank zufolge könnten viele der primären und auch sekundären Komponenten solarthermischer Kraftwerke lokal hergestellt werden und so weitere Arbeitsplätze in der Zuliefererindustrie schaffen.

Dies führt dazu, dass ein wesentlicher Teil der Investitionen direkt im Land verbleiben und die Grundlage für die Entwicklung von Industriezweigen geschaffen wird. Voraussetzung dafür ist die Einbeziehung lokaler Unternehmen, Schaffung von Ausbildungs-betrieben in den Ländern und der Zusammenarbeit von Universitäten, wie beispielsweise heute schon der Universität Kassel und Kairo (5).

Das solarthermische Kraftwerk Noor, 200 km südlich von Marrakesch in Marokko beweist, dass die Technologie zum Vorteil seiner Bevölkerung funktioniert. In einer Studie von Germanwatch wurde insbesondere die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Stärkung lokaler Kapazitäten sowie die Verbesserung der sozialen Infrastruktur in angrenzenden Gemeinden als hoch bedeutsam für die Entwicklung vor Ort wahrgenommen. Daneben und in deren Folge gibt es zahlreiche indirekte positive Auswirkungen wie ein stärkerer Familien-zusammenhalt, soziale Unterstützung für zurückgekehrte Wanderarbeiter oder ein gesteigertes öffentliches Interesse an erneuerbaren Energien (6).

Dank der, bei der Stromerzeugung in solarthermischen Kraftwerken entstehenden Abwärme können ohne weiteres täglich mehrere 100.000 Kubikmeter Trinkwasser produziert werden. (7)
Damit ist klar: Solarthermische Anlagen produzieren wesentlich mehr als Energie, nämlich Arbeitsplätze, Wasser und Devisen.

Regelbarer Solarstrom führt zu einem tragfähigen Geschäftsmodell

Solarstrom aus Afrika ist auf den ersten Blick heute noch teurer als Wind- und Photovoltaikstrom (PV) hierzulande. Das liegt zum einen daran, dass die Lernkurve von PV mit inzwischen über 300 GW installierter PV-Leistung weltweit der Lernkurve von CSP bei 5 GW installierter Leistung vorauseilt. Außerdem würde der Vergleich von CSP mit PV hinken wie der berühmte Apfel mit der Birne, denn CSP ist im Gegensatz zu PV per se grundlastfähig.

Sobald nämlich in Europa Mangel an Wind- und PV-Strom herrscht, dann steigt auch der Preis, der für die Kilowattstunde Strom bezahlt wird. Wenn solarthermische Kraftwerke besonders in solchen Zeiten erneuerbaren Strom von Nordafrika nach Europa liefern,

können beide Seiten profitieren: für Stromanbieter in Afrika entsteht so ein tragfähiges Geschäftsmodell mit entsprechender Wertschöpfung aus veredelter Sonnenenergie. Stromversorger in Europa profitieren, weil sie ihren Anteil an erneuerbarer Energie bei gleichbleibend sicherer Stromversorgung kostengünstig steigern können.

Schätzungen zufolge würde ein 3 GW Solarkraftwerk samt Wasserversorgung und HGÜ von Marokko nach Deutschland in Punkto Nettoleistung, Strommenge (ca. 20 Mrd. kWh/a) und Kosten (ca. € 30 Mrd.) deutlich günstiger sein als z.B. das Kernkraftwerk Hinkley Point C in Großbritannien mit € 43 Mrd. (3, EU 2014).

Bei einer Kapitalrückzahlung (Annuität) von 5% der Investition pro Jahr und Betriebskosten inklusive Ausgleichszahlungen für den Landbedarf von etwa € 0,045/kWh sind Stromkosten von ca. € 0,12/kWh erreichbar. Spätere Projekte können Stromkosten zwischen € 0,07 und € 0,11 /kWh erreichen (8 und 9).

Rechtliche Grundlage

Stromimporte aus Erneuerbaren Energien aus nichteuropäischen Ländern nach Europa sind von der Europäischen Kommission vorgesehen und durch Artikel 9 der EU Direktive 2009/28/EC geregelt.

In einer Studie im Auftrag der Europäischen Kommission wurde untersucht, unter welchen Voraussetzungen ein solcher Import technisch, ökonomisch, ökologisch und sozial sinnvoll wäre.

Die Studie kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass in Europa zunehmend Nachfrage nach regelbarem und gleichzeitig erneuerbarem Strom entsteht, um immer mehr fossile Kraftwerke zu ersetzen. (10)

Kein Supergrid, sondern Punkt-zu-Punkt Verbindungen

Gegenüber einem (aufwendigen und fast nicht realisierbarem) Supergrid haben HGÜ-Punkt-zu-Punkt-Leitungen den Vorteil, dass sie Solarkraftwerke in Nordafrika direkt mit Ballungszentren in Europa verbinden, wo die Netzinfrastruktur zur Verteilung großer Strommengen bereits vorhanden ist, also beispielsweise Marrakesch mit dem bald ehemaligen AKW-Standort Neckarwestheim.

Dort kann der Solarstrom Schwankungen im lokalen Stromnetz ausbalancieren, genau wie es Kern-, Kohle- und Gaskraftwerke heute tun, und damit diese in ihrem vollen Funktionsumfang ersetzen.

Die bisher verwendeten Kohle- und Gaskraftwerke können gegebenenfalls als stille Kapazitätsreserve erhalten bleiben und ver-brauchen dann nur im Ausnahmefall fossile Energieträger.

Quellenangaben:
(1) https://ec.europa.eu/energy/sites/ener/files/documents/2016_11_13_set_roadmap_joint_declaration-vf.pdf
(2) + (3) http://www.et-energie-online.de/Portals/0/PDF/artikel_2013_07_trieb.pdf
(4) Trieb, F., Integration erneuerbarer Energiequellen bei hohen Anteilen an der Stromversorgung, Energiewirtschaftliche Tagesfragen 63. Jg. (2013) Heft 7, www.et-energie-online.de/Portals/0/PDF/artikel_2013_07_trieb.pdf
(5) http://www.dlr.de/dlr/Portaldata/1/Resources/documents/AQUA-CSP_Zusammenfassung.pdf
(6) https://germanwatch.org/de/10608
(7) http://www.dlr.de/dlr/Portaldata/1/Resources/documents/AQUA-CSP_Zusammenfassung.pdf
(8) BETTER 2014: Bringing Europe and Third Countries closer together through Renewable Energies, WP3 North Africa Case Study, 2014: http://www.better-project.net/content/results; DLR-Website für die Nordafrika-Fallstudie: http://www.dlr.de/tt/de/desktopdefault.aspx/tabid-2885/4422_read-35572/
(9) Trieb et al. 2012: Trieb F., Schillings C., Pregger T., O’Sullivan M. (2012) Solar Electricity imports from the Middle East and North Africa to Europe. Energy Policy 42 (2012) 341‐353
(10) „Bringing Europe and Third Countries closer together through Renewable Energies, WP3 North Africa Case Study, 2014: http://www.better-project.net/content/results; DLR-Website für die Nordafrika-Fallstudie: http://www.dlr.de/tt/de/desktopdefault.aspx/tabid-2885/4422_read-35572/